12.03.2026 09:04
Dokumentarfilm "Westerwelle" zeichnet ein Zeitbild
epd Der Dokumentarfilm über den 2016 verstorbenen Guido Westerwelle hallt nach. Denn die von Vicky Leandros gesungene Version von "Ich liebe das Leben" nistet sich am Ende unweigerlich als Ohrwurm ein. Man erschrickt kurz, weil für einen Moment der Eindruck entstehen konnte, als sei dies die ausschließliche Musikwahl des Film-Regisseurs Jobst Knigge gewesen. Allerdings hat Leandros tatsächlich bei der Trauerfeier im März 2016 in Köln gesungen.
In dem Dokumentarfilm "Westerwelle" sind gesellschaftspolitisches Zeitbild und menschliches Schicksal eng miteinander verwoben. Dennoch hat Knigges Film nichts von falscher, peinlich anmutender Rührseligkeit. Das liegt vor allem an Michael Mronz, der so bemerkenswert ruhig, klar, beinahe sachlich und doch liebevoll über seinen verstorbenen Mann spricht, auch über dessen politische Karriere. Sein einnehmendes Auftreten lässt niemals das Gefühl aufkommen, dass man hier als Zuschauer in eine unangebrachte, intime Nähe geraten könnte.
Die Leukämie-Erkrankung, Westerwelles Leiden, sein langer und vergeblicher Kampf ums Überleben beeinflussen selbstverständlich den Rücblick auch auf das Leben und Wirken des FDP-Politikers. Westerwelle provozierte gerne mit forschen Sprüchen und agierte unerschrocken nahe an der Lächerlichkeit, als er 2002 im Rahmen der "Strategie 18" in Superman-Kostüme schlüpfte und im "Guidomobil" durchs Land tourte. Doch Westerwelle war auch enorm erfolgreich, schwang sich vom jungen Bonner "Naseweis" (Wolfgang Kubicki) zum Parteivorsitzenden und Vizekanzler auf, erwarb sich Respekt als Außenminister und hatte schließlich mit dem Ende seiner politischen Karriere seinen Frieden gemacht.
Knigge und seine Co-Autoren blättern chronologisch den Lebensweg des in Bonn aufgewachsenen Juristen auf, kommen aber im steten Wechsel immer wieder auf die im Juni 2014 entdeckte Erkrankung und deren Behandlung zurück. Die Dramaturgie verdeutlicht auf diese Weise den enormen Bruch in Westerwelles letzter Lebensphase: "Jahrzehntelang war ich ein Starker, und plötzlich bin ich ein ganz Schwacher", sagt er selbst. Denn in dem Film können Interview-O-Töne genutzt werden, die der Journalist Dominik Wichmann für das im November 2015 veröffentlichte Buch "Zwischen zwei Leben" aufgenommen hat.
Der ehemalige Chefredakteur von "SZ-Magazin" und "Stern" ist nicht nur Co-Autor des Filmes, er berichtet auch vor der Kamera von seinen Begegnungen mit Westerwelle. Nur einmal verfällt er dabei in etwas unangebracht klingende Küchenpsychologie: "Die Krankheit war der erste Moment, der ihm erlaubte, die Tür zu seinem Seelenhaushalt einen kleinen Spalt aufzumachen. Aber wir reden über einen kleinen Spalt", sagt Wichmann.
Die O-Töne des Verstorbenen nehmen nicht so viel Raum ein, wie die ARD-Ankündigung ("Vor allem spricht Guido Westerwelle selbst") vermuten lässt. Enthüllungen oder gar eine Art Abrechnung mit Kanzlerin Angela Merkel oder der FDP-"Boygroup", die ihn 2011 als Parteivorsitzenden stürzte, liefern die Ausschnitte nicht. Wohl aber einige bemerkenswerte persönliche Aussagen: Man hört aus dem Off einen Mann, der mit dem Bild, das er durch seine öffentlichen Auftritte geschaffen hat, nicht mehr viel gemein hat. Das ist angesichts der schweren Erkrankung nicht verwunderlich, aber auf eine unverstellte Weise berührend. Dies unterscheidet "Westerwelle" von den meisten Filmen, die vorgeben, dem Publikum einen Politiker als Menschen näher bringen zu können.
Gleichzeitig gelingt Knigge, Wichmann und dem ehemaligen "Spiegel"-Chefredakteur und MDR-Programmdirektor Klaus Brinkbäumer eine erfrischende Zeitreise in die Jahre des Übergangs von der Bonner zur Berliner Republik - noch ohne AfD und mit der FDP im Mittelpunkt, was dem Film einen geradezu nostalgischen Touch verleiht. Die Liberalen scheinen zurzeit Lichtjahre von der Bedeutung entfernt zu sein, die sie einst unter dem Vorsitz von Guido Westerwelle hatten. Bei der Bundestagswahl 2009 erreichte die FDP mit 14,56 Prozent das bisher beste Ergebnis ihrer Geschichte, scheiterte allerdings 2013 nach vier Jahren Regierungsbeteiligung an der Fünf-Prozent-Hürde.
In "Westerwelle" kommen zahlreiche Parteigrößen zu Wort, darunter auch Daniel Bahr, Philipp Rösler und Christian Lindner. Der Film enthält keine Häme, weist aber FDP-spezifischen Unterhaltungswert auf, vor allem in Gestalt von Wolfgang Kubicki, der bisweilen peinliche Anekdoten erzählt, und Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die Westerwelle zu den zahlreichen Opfern von "Maneater" Angel Merkel zählt. Hat sich Westerwelle, der sich stets nach Anerkennung sehnte, die Freundschaft zur Kanzlerin nur eingebildet? Leider tritt Merkel nicht vor die Kamera, stattdessen muss man sich mit Renate Künast von den Grünen und dem Linken-Politiker Gregor Gysi zufriedengeben. Von der SPD ist Klaus Wowereit, Berlins ehemaliger Bürgermeister, vertreten. Denn nebenbei erzählt der Film ganz unaufgeregt davon, wie sich der Umgang mit Homosexualität auf dem politischen Parkett und in der Öffentlichkeit in jenen Jahren verändert hat.
infobox: "Westerwelle", Dokumentarfilm, Regie: Jobst Knigge, Buch: Dominik Wichmann, Klaus Brinkbäumer, Jobst Knigge, Produktion: Open Minds Media (ARD/WDR/MDR, 9.3.26, 22.50-0.20 Uhr und in der ARD-Mediathek)
Zuerst veröffentlicht 12.03.2026 10:04 Letzte Änderung: 12.03.2026 12:03
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KWDR, Dokumentation, Westerwelle, Knigge, Wichmann, Brinkbäumer, Gehringer, NEU
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