Der Mob im Internet - epd medien

23.03.2026 10:15

Im Fernsehfilm "Eine bessere Welt" wird die Biologin Elena Stanat nach einem Auftritt in einer Talkshow in den sozialen Netzwerken angegriffen und bedroht. Eines Tages liegen die Hühner, die die Familie hält, tot im Garten.

ZDF-Fernsehfilm "Eine bessere Welt"

Entsetzt schaut Elena auf die Hass-Postings in den sozialen Netzwerken

epd Die Familie Stanat zieht aufs Land in ein altes Haus mit Garten. Mutter, Vater und die zwei Kinder richten sich gerade erst ein, aber die Hühner, die sie halten wollen, sind schon da, und die Kinder stellen entzückt fest, dass man sie streicheln und füttern kann. Mutter Elena (Peri Baumeister) ist promovierte Biologin, sie hat ein Buch über die Klimakrise geschrieben. Ihr geht es insbesondere darum, was der oder die Einzelne tun kann, um die Katastrophe abzuwenden. Das Werk mit dem Titel "Eine bessere Welt" ist gerade erschienen, da ruft ein Fernsehsender an und bittet Frau Stanat in eine Talkshow zum Thema.

In der Sendung verteidigt sie ihren Standpunkt tapfer gegen einen Vertreter der privaten Wirtschaft, der es sich verbittet, belehrt zu werden, wie er zu leben habe. Stanat pariert gut. Die Moderatorin dankt ihr nach der Aufzeichnung - zumal die Biologin für eine Umweltaktivistin eingesprungen ist, die wegen eines Beinbruchs ausfiel.

Widerwärtige Beleidigungen

Was als Werbung fürs Buch hochwillkommen schien, Elenas Teilnahme am Talk, entpuppt sich als Auftakt für eine Horrorshow im Internet: Ein Shitstorm bricht los über Elena Stanat, der in widerwärtigen Beleidigungen und wüsten Drohungen gipfelt.

Der Film handelt im Wesentlichen davon, ob und wie die Familie diesem Sturm standhält. Die Moderatorin der Talkshow (Dunja Hayali spielt sich hier selbst) hat Elena backstage noch gewarnt und ihr empfohlen, das Handy während der folgenden Tage lieber abzuschalten. Aber natürlich kann Elena nicht widerstehen und schaut doch drauf. Tausende Hassmails gehen binnen Kurzem bei ihr ein. Das Sekretariat der Universität, an der Stanat lehrt, beschwert sich: der Server breche zusammen, so gehe das nicht.

Ein Geist, der nicht zur Ruhe kommt

Verstört wenden sich die Stanats an die Polizei und erstatten Anzeige. Dort erfahren sie, dass eine Klage wegen des Rechts der gegnerischen Anwälte auf Akteneinsicht ihre Adresse den Hatern zur Kenntnis brächte. Ihr Leben, ihr Alltag, ihre Arbeit - alles erscheint plötzlich bedroht und beschädigt. Es regiert die Angst vor einem womöglich fatalen Übergriff. Sind da nicht seltsame Gestalten zu erkennen, die sich in böser Absicht dem Anwesen nähern? Die Elena und Tochter im Wald auflauern? Eines Morgens liegen die Hühner tot auf der Wiese. Im Internet wird den Stanats mitgeteilt, dass sie einen "Hausbesuch" zu gewärtigen hätten.

Nun bewegt sich der Film in den Plotstrukturen eines Thrillers. Aber das hat dem Drehbuchautorenduo Nadine Gottmann und Sebastian Hilger (Hilger führte auch Regie) nicht genügt. Sie zogen eine weitere Erzählebene ein und erfanden einen weiteren Akteur, von dem sie zusätzlich erzählen wollten: Es spukt in dem alten Haus, in das die Stanats eingezogen sind. Der Geist, der nicht zur Ruhe kommt, gehört dem Opa aus der Familie der Vorbesitzer, der Vogelkundler war.

Es hat doch mit dir zu tun.

Oft sitzt Elena in der Dachkammer, in der die ausgestopften Vögel des verblichenen Ornithologen rumstehen und hört alte Bänder mit der Stimme des Forschers ab, der seine Lebensleistung missachtet sah. Das Problem: Der Opa galt in der eigenen Familie und in der Nachbarschaft als verrückt. Sein Wahn, so fürchtet auch irgendwann Elena selbst, könnte auf sie übergesprungen sein. Sind die bedrohlichen Gestalten, die Elena immer wieder auf sich zukommen sieht, real oder Ausgeburten ihrer Paranoia?

Das fragt sich auch ihr Mann Deniz (Serkan Kaya), dem es nicht gefällt, dass sie bei einer Aktivistengruppe, die Hass im Netz bekämpft, mitmachen will. Dort heißt es: Anfangs denkst du, diese Hater, das sind "einfach nur traurige Menschen, die ihren Hass im Netz verbreiten. Das hat nichts mit mir zu tun." Aber dann merkst du: "Es hat doch mit dir zu tun."

Ist alles nur ein Wahn?

Die Botschaft des Films dürfte sein: Bitte, liebe Politik und Gesellschaft, findet einen Ausweg, erlasst Regeln, die derart destruktiven Strukturen des Internets einen Riegel vorschieben. Schützt die Opfer! Aber dann stellt der Film von der Seitenlinie her seine eigene Geschichte und seine Botschaft infrage: Vorsicht, liebe Zuschauer, das ist vielleicht alles nur ein Wahn! Es hat am Ende doch nichts mit uns zu tun, beziehungsweise: Wir bilden uns das alles nur ein.

Oder soll man die Sache so verstehen, dass Shitstorms die Kraft haben können, eine bisher ganz vernünftige Person wie Elena Stanat in den Wahnsinn zu treiben und deshalb umso gefährlicher sind? Sind der Opa und seine Vögel nur ein Ablenkungsmanöver, welches der Plot sich leistet, um klarzumachen, wie leicht Opfer von digitalen Hassbotschaften die Nerven verlieren?

Der Rückgriff auf den Spuk tut der Sache nicht gut: Ein hochtechnologisierter Internet-Mob auf der einen Seite und eine altmodische Gruselspannung mit einer Frau zwischen ausgestopften Vögeln, die nicht weiß, ob sie verrückt ist, auf der anderen, das ergibt keine schlüssige Thrillerhandlung. Längst können doch Hochtechnologie und digitaler Mob ihre eigene, filmisch noch nicht ausgeschöpfte Spannung erzeugen.

infobox: "Eine bessere Welt", Fernsehfilm, Regie: Sebastian Hilger, Buch: Nadine Gottmann, Kamera: Martin L. Ludwig, Produktion: Zeitsprung Pictures (ZDF-Mediathek, seit 14.3.23, ZDF, 23.3.26, 20.15-21.45 Uhr)



Zuerst veröffentlicht 23.03.2026 11:15

Barbara Sichtermann

Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KZDF, Fernsehfilm, Gottmann, Hilger, Sichtermann

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