11.07.2026 09:40
Dokumentationen zur Hochwasserkatastrophe bei ARD und ZDF
epd Unter den Beiträgen, die ARD und ZDF zur Hochwasserkatastrophe im Juli 2021 produziert haben, ragt eine subjektiv geprägte Aufarbeitung der Ereignisse heraus: Der Vater der Dokumentarfilmerin Susanne Jäger verlor in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 in Bad Neuenahr-Ahrweiler sein Leben. Jäger erzählt in "Allein in der Flut" aus der Ich-Perspektive und schlägt einen mal persönlichen, mal nüchtern-journalistischen Tonfall an. Sie schildert nicht nur, was ihren Eltern widerfuhr und wie sie selbst zwei Tage später ins Ahrtal reiste, sondern auch, wie Nachbarn in der Weststraße in Bad Neuenahr-Ahrweiler um ihr Überleben kämpften.
Die mithilfe von Künstlicher Intelligenz generierten Unterwasserbilder in der Dokumentation wirken zwiespältig, auch wenn dabei nur trübes Wasser und kein Ertrinkender zu sehen ist. Immerhin verzichtet Jäger auf dramatisierende Animationen, wie sie in anderen Filmen zu finden sind. Insgesamt stimmt die Mischung aus Recherche und Reflexion: In den Interviews mit den Nachbarn arbeitet die Autorin heraus, dass die Anwohner am Abend des 14. Juli nur unzureichend vor der herannahenden Flut gewarnt wurden und anschließend - wie Jägers Mutter - lange Zeit auf sich allein gestellt waren. Die Autorin traf ihre Mutter am 16. Juli allein in ihrer Wohnung im ersten Stock an, "bewegungslos, wie erstarrt". Der Leichnam ihres Vaters wurde am 27. Juli im Garten eines eineinhalb Kilometer entfernten Hauses gefunden.
Wie Jägers Film und andere Beiträge eindringlich zeigen, sind es nicht nur die Ereignisse im Juli 2021 selbst, die bis heute nachwirken, sondern auch ihre unzureichende juristische Aufarbeitung. Wie zu erwarten war, hat niemand ein Interview mit Jürgen Pföhler (CDU), dem damaligen Landrat des Kreises Ahrweiler, bekommen. Die Staatsanwaltschaft Koblenz hat im April 2024 das Ermittlungsverfahren gegen ihn mit der Begründung eingestellt, es sei nicht mit Sicherheit erwiesen, dass ein anderes Verhalten von Pföhler den Tod von Menschen hätte verhindern können.
Der Landrat war in der verhängnisvollen Nacht nur zwei Mal kurz im Krisenzentrum aufgetaucht und wies jede Verantwortung etwa für den viel zu spät verhängten Katastrophenalarm von sich. "Ich war ja gar nicht Teil der Technischen Einsatzleitung", erklärte er in einem Interview eine Woche nach der Flutkatastrophe.
Besonders bitter ist die Erfahrung von Angehörigen, dass die Ermittlungsbehörden den Opfern selbst eine Mitverantwortung für ihren Tod zuschieben. Weil sie sich angeblich nicht an die Warnungen vor Ort gehalten haben. So habe Susanne Jägers Vater eine Warnung der Feuerwehr ignoriert, seine Wohnung nicht zu verlassen. Einen Beleg, dass es diese Warnung überhaupt gab, habe die Generalstaatsanwaltschaft jedoch nicht liefern können, erklärt Jäger. "Bis heute hat kein Gericht die Ereignisse aufgearbeitet. Für mich ist das ein weiterer Teil der Katastrophe", sagt sie.
Jäger verwendet in ihrem Film das Handyvideo der 22-jährigen Johanna Orth, das die Lautsprecherdurchsage in Bad Neuenahr-Ahrweiler am Abend des 14. Juli dokumentiert. Demnach warnte die Feuerwehr lediglich davor, "sich nicht in Kellern, Tiefgaragen und tiefer liegendem Gelände" aufzuhalten. Der Fall der jungen Konditormeisterin, die ebenfalls ertrank, spielt in der "SWR-Story: "Fünf Jahre nach der Ahrtalflut" von Kai Diezemann und Thomas Schneider eine zentrale Rolle. Die Autoren blicken in dem informativen, aber etwas sprunghaft montierten Film auch auf weitere damals betroffene Orte, lassen Politiker aus dem Mainzer Untersuchungsausschuss sowie Retter und Gerettete zu Wort kommen.
Johannas Eltern, die in der Flutnacht im Urlaub auf Mallorca weilten, wollen gegen die Einstellung des Verfahrens gegen Pföhler Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht einlegen. Ihre Tochter hatte sich nach der Durchsage in der Erdgeschosswohnung beruhigt zu Bett gelegt und konnte sich später nicht mehr retten. Das Angebot, Johannas Handy auszuwerten, habe die Staatsanwaltschaft abgelehnt, berichten die Eltern Inka und Ralph Orth. Beide sind auch Protagonisten in Oliver Halmburgers Film "Ein Tag im Juli" aus der ZDF-Reihe "Terra X History", der den Ablauf der Flut noch einmal chronologisch aufarbeitet. Das ist hilfreich, weil das Versagen des Katastrophenschutzes auf diese Weise offensichtlich wird.
So drängt der juristische Skandal fünf Jahre nach der Katastrophe in den Vordergrund. Dagegen beschäftigen sich die Dokumentationen zum Jahrestag nur häppchenweise mit den Konsequenzen, die gezogen werden sollten oder bereits gezogen wurden: Die "SWR Story" berichtet von einem in Rheinland-Pfalz neu geschaffenen Landesamt für Katastrophenschutz mit einer rund um die Uhr besetzten Einsatzzentrale. Mittlerweile gibt es auch in den meisten Kreisen und Städten einen Alarm- und Einsatzplan Hochwasser.
Im ZDF-Film "Ein Tag im Juli" erläutert Hochwasserexperte Thomas Roggenkamp, warum der Starkregen gerade im Ahrtal verheerende Folgen hatte. Aber ob die nötigen Lehren beim Wiederaufbau gezogen werden, erfährt man auch hier nicht.
Viele weitere Fragen bleiben in den Filmen offen, etwa zum Ausbau der Warnsysteme, die im Ahrtal nicht nur wegen eines Stromausfalls komplett versagt hatten. SWR und WDR blicken auch nicht auf ihre eigene Berichterstattung in der verhängnisvollen Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021, die teilweise unzureichend war. Und sind die zugesagten Aufbauhilfen wirklich bei den Menschen angekommen?
So lösen die dokumentarischen Beiträge fünf Jahre danach vor allem Unbehagen aus. Denn was da im Ahrtal und anderswo geschehen ist, scheint weder gründlich aufgearbeitet, noch wird ersichtlich, ob Politik, Sicherheitsbehörden und Verwaltung für die nächste Flut, die in Zeiten des Klimawandels garantiert kommen wird, ausreichend gerüstet sind.
Stets nah dran am Menschen.
Der Fokus liegt nahezu ausschließlich auf dem Ahrtal, wo allein 135 Todesopfer zu beklagen waren. Dass auch Nordrhein-Westfalen, Belgien und Luxemburg betroffen waren, wird bei "Terra X History" zumindest erwähnt. Allein der halbstündige ARD-Beitrag "Verlust, Trauma, Neuanfang - Leben nach der Flut" bemüht sich um einen erweiterten Blick, weil zwei der drei Protagonisten nicht aus dem Ahrtal stammen und sich bei der Betreuung traumatisierter Kinder im nordrhein-westfälischen Schleiden und beim Hochwasserschutz im sächsischen Grimma engagieren. Aber die einzelnen Geschichten stehen für sich und werden durch viel Off-Kommentar mit wenig Rechercheaufwand zu einem eher oberflächlich wirkenden Beitrag kombiniert. Interessant immerhin, wie sich Grimma nach den Überschwemmungen von 2002 und 2013 gegen weitere Katastrophen zu wappnen versucht.
Diese Dokumentation wurde für die ARD-Reihe mit dem rätselhaften Namen "Bundesvibe" produziert. Dass man sich mit dem Titel ans junge Publikum anbiedern will, ist naheliegend. Dahinter verbirgt sich jedoch ein beliebig wirkendes Sammelsurium aus Reportagen und Dokumentationen, laut ARD "aktuell, mit Blick auf verschiedene Regionen - und stets nah dran am Menschen". Der Beitrag von Sarah Weihsweiler und Katrin Mehnert lässt leider nicht darauf schließen, dass dieses auf regionale Ausgewogenheit achtende, an "Menschen hautnah" erinnernde Format ein Gewinn wäre.
infobox: "Allein in der Flut - Mein Vater und die tödliche Nacht im Ahrtal", Dokumentation, Regie und Buch: Susanne Jäger, Produktion: Jägerfilme (ARD-Mediathek/SWR/WDR, seit 6.7.26, SWR, 13.7.26, 22.30-23.15 Uhr); "Terra X History: Ein Tag im Juli - Ahrtalflut 2021", Dokumentation, Regie und Buch: Oliver Halmburger, Produktion: Loopfilm (ZDF-Mediathek, seit 14.5.26, 20.15-21.45 Uhr); "SWR Story: Fünf Jahre nach der Ahrtal-Flut - Die Nacht, die blieb ...", Dokumentation, Regie und Buch: Kai Diezemann, Thomas Schneider, (ARD-Mediathek/SWR, seit 18.6.26, 21.00-21.45 Uhr); "Bundesvibe: Verlust, Trauma, Neuanfang - Leben nach der Flut", Dokumentation, Regie und Buch: Sarah Weihsweiler, Katrin Mehnert, Produktion: Solis Film (ARD-Mediathek/MDR/SWR/WDR, seit 5.7.26, WDR, 14.7.26, 20.30-21.00 Uhr)
Zuerst veröffentlicht 11.07.2026 11:40 Letzte Änderung: 13.07.2026 12:19
Schlagworte: Medien, Fernsehen, Kritik, Kritik.(Fernsehen), KSWR, KWDR, KZDF, Jäger, Halmburger, Diezemann, Scheider, Weihsweiler, Mehnert, Gehringer, NEU
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